
Afrika – das letzte große Abenteuer?
25. Juni 2026Ein sonniger Vormittag auf einem etwas schäbigen Parkplatz am Hamburger Hafen. In der Entfernung sind Möwengeschrei und ein Schiffshorn zu hören. Vor uns stehen zwei Land Rover Defender bereit zur Verschiffung: Ein 20 Jahre alter tiefschwarzer Defender, den seine Besitzer Alica und Benedikt liebevoll „Elvis“ getauft haben. Ausgestattet mit Hubdach, Schnorchel, zwei Ersatzrädern und vier metallenen Luftlandeblechen an den Fahrzeugseiten – ein Traum von einem Expeditionsmobil! Daneben unser neues Defender-Modell: grün, luftgefedert, etwas zu glänzend und vollgestopft mit moderner Elektronik.
Wir teilen uns einen 40-Fuß-Schiffscontainer für die Überfahrt nach Namibia. Hetty und ich werden drei Monate im südlichen Afrika unterwegs sein, Alica und Benedikt sogar ein ganzes Jahr. Der Container steht bereits am Rande des Parkplatzes bereit. Ein Mitarbeiter der Verschiffungs-Company umkreist derweil die Autos und fotografiert sie mit seinem Handy von allen Seiten. Für die Versicherung, falls es bei der Überfahrt zu Schäden kommen sollte.

„Wird schon nicht!“, meint er noch, dann überreicht er uns die Frachtpapiere auf einem Klemmbrett zum Unterschreiben. Alica bemerkt es als erstes: als Zielhafen ist statt „Walvis Bay, Namibia“ „Montevideo, Uruguay“ eingetragen! „Falscher Container, falscher Parkplatz, falscher Hafen-Agent?“, durchzuckt es mich unwillkürlich. Nein, nein, beruhigt uns der Mitarbeiter, da sei wohl bei „Copy & Paste“ irgendwas schiefgelaufen, wir sollen uns keine Sorgen machen! Natürlich würden unsere Autos nicht nach Südamerika, sondern nach Afrika verschifft. Lässig streicht er mit dem Kugelschreiber „Montevideo“ durch und schreibt handschriftlich „Walvis Bay“ auf das Formular. Wird schon klappen, was soll schon passieren…?
Und dann ist es soweit. Ich fahre unseren neuen Defender als erstes in den Container. Er ist ein gutes Stück breiter als das alte Modell und passt so gerade eben zwischen die dicken Stahlwände. Trotz schmaler Statur kann ich mich wirklich nur mit Müh und Not aus der Beifahrertür herauszwängen. Ich frage mich noch, wie wohl in Namibia ein Hafenarbeiter einer möglicherweise anderen Gewichtsklasse später den umgekehrten Weg nehmen soll, um das Auto dort aus dem Container zu fahren. Man wird sehen. Die Batterie wird abgeklemmt, der Schlüssel verbleibt im Fahrerhaus.
Dann ist der alte Defender dran. Mit ihm geht es schon etwas einfacher. Kaum steht er drinnen und ist fest verzurrt, schließen sich die schweren stählernen Türen hinter den beiden Autos mit einem dumpfen Knall. Die schweren Riegel werden zugeschoben und die Hafenarbeiter in den grellroten Warnwesten verplomben die Tür. Geöffnet werden sie erst wieder in fünf Wochen weit südlich des Äquators, wenn alles gut geht.
Ein etwas mulmiges Gefühl bleibt zurück: War es die richtige Entscheidung, unser Auto mit auf die große Reise durch Afrika mitzunehmen? Ist auch der neue Land Rover Defender „afrikatauglich“ oder wird er uns auf den vor uns liegenden hunderten Kilometern Wellblechpiste irgendwann mitten in der Wüste im Stich lassen?
Wenn ich den Namen Land Rover Defender höre, kommen bei mir immer sofort Bilder aus meiner Jugend auf, die den ursprünglichen Defender in orangegelber Lackierung zeigen, wie er sich durch Schlammlöcher im Dschungel von Borneo wühlt. Oder beim Durchfurten reißender Flüsse. Oder auf wackelingen Brücken aus einzelnen Baumstämmen über tiefe Schluchten. Und natürlich war es schon damals ein Traum, es den Teilnehmern der legendären Camel-Trophy nachzutun und einmal mit einem solchen ikonischen Auto auf große Reise zu gehen.
Und ich habe tatsächlich eine Weile mit der Idee gespielt, einen solchen alten Defender zu kaufen. Aber bei aller Romantik gab es dann halt auch eine Menge Vernunftgründe, die dagegen sprachen: zu sperrig, zu laut, zu unbequem, zu langsam und auch immer wieder der Unkenruf „viel zu unzuverlässig!“ (insbesondere aus dem konkurrierenden Lager der Toyota-Fahrer). Und dann wurde 2016 die Produktion des alten Defenders eingestellt. Seine Fahrzeugtechnik konnte die zunehmend strengeren Sicherheits-, Emissions- und Zulassungsvorschriften nicht mehr erfüllen. 2020 kam sein lange angekündigtes Nachfolge-Modell auf den Markt – der „New Defender“.
„Pretender“ statt „Defender“
Und natürlich ging erstmal ein Aufschrei durch die ebenso eingeschworene wie konservative Defender-Fan-Gemeinde: viel zu modern, viel zu viel Elektronik, viel zu teuer! Das wäre ja gar kein echter „Defender“ mehr, maximal ein „Pretender“ ;-). Land Rover gab sich alle Mühe, dem neuen Auto das Image zu verleihen, es sei genauso expeditionstauglich wie sein Vorgänger. In ihren Werbevideos (zufällig auch in Namibia gedreht!) sah das dann so aus:
Der neue Defender ist zweifelsohne das weitaus technisch ausgereiftere Fahrzeug, seine Offroad-Qualitäten sind auch unter Puristen unbestritten, sein Komfort auf langen Strecken sowieso. Aber wie ist es um seine Zuverlässigkeit bestellt? Hält er auch unter den widrigen Umständen einer monatelangen Reise durch afrikanische Savanne und Wüste durch? Oder steigt alle Nase lang eines der vielen modernen elektronischen Steuergeräte aus, wie von vielen Kritikern vorausgesagt wird? Und wird er dann zu einem großen unbeweglichen „Briefbeschwerer“, wie es der australische Offroad-Guru und Youtuber Andrew St. Pierre-White in einem grantigen Videobeitrag heraufbeschworen hat (hIer sein Video über den neuen Defender als „catastrophic failure„)? Schließlich kann er nicht von jedem Dorfschmied mit ein paar Hammerschlägen wieder instandgesetzt werden, wie man von dem alten Defender nicht müde wird zu behaupten.
Modern, leistungsfähig, aber viel zu anfällige Technik?

Um darüber eine endgültige Aussage treffen zu können, ist der „Neue“ noch nicht lange genug auf dem Markt. Wir haben unseren seit 2022. Und seitdem hat er uns auf eine ganze Reihe von Reisen durch ganz Europa begleitet – mehr als 100.000 Kilometer von Schottland bis Korsika, von Schweden bis Albanien. Und auch in diversen Offroad-Parks haben wir ihn ausgetestet. Bislang schien er zu 100 % zuverlässig zu sein, er leistete sich nicht die kleinste Macke. Ich war also zuversichtlich, dass Land Rover nun endlich einen zuverlässigen modernen Geländewagen auf den Markt gebracht hatte.
Tja, bis es dann vor wenigen Wochen und nur kurz vor seinem 4. Geburtstag auf der deutschen Autobahn nach Erfurt geschah: aus dem Nichts heraus und ohne ersichtlichen Anlass verweigerten plötzlich seine Scheinwerfer ihren Dienst. Einer stieg ganz aus und der andere flackerte unberechenbar zwischen Fernlicht und Tagfahrlicht hin und her. Als ich das Auto zu meiner Land Rover Werkstatt brachte, schienen sich alle Vorurteile zu bestätigen: Fehler in der elektronischen Steuerung der Scheinwerfer. Und wo man sich früher mit dem Auswechseln der Birne behelfen konnte, musste man hier gleich die komplette Scheinwerfereinheit samt elektronischer Steuerung austauschen. Avisierter Kostenpunkt: 3400 Euro. Die 3jährige Garantie war natürlich kurz vorher abgelaufen. Immerhin übernahm Land Rover auf dem Kulanzwege 82 % der Kosten (wie auch immer diese Zahl zustande kam). Fällig waren trotzdem gut 600 Euro für zwei Bauteile, die in diesem Fahrzeugalter nicht hätten ausfallen dürfen.
Natürlich haben wir unser Auto vor der Abreise in der Werkstatt gründlich durchchecken lassen. Aber schon auf die Frage, ob der Defender nach 5 Wochen Verschiffung bei abgeklemmter Fahrzeugbatterie anschließend überhaupt noch anspringen würde, traute man sich in unserer norddeutschen Land Rover – Vertretung keine zuverlässige Prognose zu. Und wie die zahlreichen batteriegepufferten elektronischen Steuergeräte reagieren werden, konnte man schon gar nicht einschätzen.
„Und damit wollt Ihr nach Afrika?“

Bei all dem begann nun auch bei mir der Zweifel zu nagen: was, wenn der nächste Ausfall nicht auf der deutschen Autobahn sondern irgendwo in der namibischen Wüste passiert? Weit entfernt von jeglicher Zivilisation und Hilfe? In Namibia und Botswana gibt es jeweils landesweit genau eine einzige Land Rover Werkstatt. Wenn alles nach Plan geht, werden wir uns im Verlauf der Reise durch die Tiefsandpisten des Central Kalahari Game Reserves in Botswana pflügen und durch die Weiten des Marienflusstals im äußersten Nordwesten Namibias. Beides keine Gegenden, in denen man mit viel Gegenverkehr rechnen muss – oder eben auf schnelle Hilfe zählen kann. Ist die Elektronik des neuen Defender vielleicht doch zu empfindlich für einen expeditionsähnlichen Einsatz?
Also begann ich zu recherchieren, ob es im Netz Erfahrungsberichte anderer Defender-Besitzer über ähnliche Reisen gibt. Aber die Ausbeute war schmal: ich nahm Kontakt auf zu einem schweizerischen Youtuber-Paar, das seinen neuen Defender nach Uruguay verschifft hatte und die Panamericana gefahren war. In einem längeren Telefonat stellte sich allerdings heraus, dass ihre Reise mit einem veritablen Motorschaden des Land Rovers geendet hatte. Das war nicht gerade ermutigend.
Etwas besser waren die Erfahrungen des südafrikanischen Youtubers Bruce („Overlanding with Bruce„), der mehrere Videos veröffentlich hatte mit dem Titel „New Defender – can it be used for Overland Travel?“ Er hatte mit seinem neuen Defender zahlreiche Länder des südlichen Afrikas bereist. In einer Reihe von E-Mails, die ich mit ihm austauschte, versicherte er mir, es habe nirgendwo Probleme gegeben. Das beruhigte mich schon eher. Insgesamt fanden sich aber kaum konkret verwertbare Berichte. Möglicherweise ein Indiz dafür, dass sich tatsächlich nur wenige mit dem neuen Defender auf große Fahrt wagen?
„Egal, wir machen das jetzt einfach!“
Natürlich bleiben die vielen Bedenken, die man von allen Seiten zu hören bekommt, doch irgendwie im Hinterkopf haften. Auch wenn die wenigsten Meinungsäußerungen auf tatsächlichen Erfahrungen mit dem Auto beruhen. Irgendwie scheint jeder zum Defender (egal ob neu oder alt) eine Meinung zu haben. Und irgendwie scheint jede technische Neuerung immer erstmal von den Nutzern der alten Technik abgelehnt zu werden. Manchmal stelle ich mir vor, wie die ersten Expeditionsreisenden auf Autos als Transportmittel umgestiegen sind. Und wie sie damals wahrscheinlich höhnisch von Kamelreitern verspottet wurden: „Wie wollt Ihr es denn mit diesen neumodischen Motorkutschen durch die Wüste schaffen? Wenn Euch schon längst das Benzin ausgegangen ist, dann laufen unsere Kamele immer noch weiter!“ Aber wer weiß? Vielleicht haben die notorischen Nörgler ja auch recht? Ein letzter Zweifel bleibt.
Aber egal. Manchmal muss man etwas einfach mal machen. Und dann sehen, was passiert. Und genau das ist der Plan. Der Plan, der jetzt mit dem Verplomben der Container-Tür konkrete Form annimmt. Und damit ist es für einen Rückzieher eh zu spät! Dafür haben wir mit Alica und Benedikt schonmal einen Wettstreit gestartet, wessen Auto auf dieser Reise als erstes in die Werkstatt muss: unser neuer Defender oder ihr alter „Elvis“. Eines ist jedenfalls klar: was auch immer auf dieser Reise passiert, Ihr werdet es hier lesen!
- Ihr wollt erfahren, ob und wie afrikatauglich der neue Defender nun wirklich ist? Oder ob die vielen lautstarken Kritiker Recht behalten und die Reise durch’s südliche Afrika ein autotechnisches Desaster wird? Dann tragt Euch für unseren Newsletter ein. Wir informieren Euch umgehend per E-Mail, wenn es auf unserem Blog etwas Neues gibt!
„Halbzeitpause“-Newsletter-Anmeldung:
P.S.: wir haben eine neue Seite mit empfehlenswerten Links zum Thema Reise, Offroad, New Defender eingerichtet. Schaut gerne mal rein!
Views: 62

6 Comments
Nah! Ich bin sehr gespannt wie das alles wird mit dem Landrover. und wie immer!: its going to be fun…. and otherwise its all part of the experience!
Hallo Bastian! Wir sind auch wirklich sehr gespannt! Und mit dem Spruch hast Du natürlich recht – ist ja mittlerweile fast so etwas wie unser Familien-Motto auf Reisen! 🙂
Ohhhhh…wenn ich das lese, bekomme ich schon ein wenig Bauchgrimmen!
Aber wie geschrieben, man muss auch mal etwas wagen und bedauert später nur Dinge, die man nicht getan hat. Es wird schon werden!!! Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf Berichte und natürlich auf die Zeit, in der wir dazustossen.
Genau! Manchmal muss man einfach etwas wagen, um etwas Besonderes zu erleben! Und wie auf allen bisherigen Reisen werden auch hier viele unvorhergesehene Dinge geschehen, auf die man sich gar nicht alle vorbereiten kann. Aber welche Missgeschicke auch immer passieren – sie werden zumindest hinterher schöne Geschichten abgeben! 😉
Hallo ihr mutigen Reisenden,
wie ich damals schon mal angesprochen habe, ist es für mich praktisch ein Muss auf großer Fahrt, mit eigenem Gefährt, eine anständige Auslesesoftware am Start zu haben. Wer im VAG Lager unterwegs ist, nutzt idealer Weise VCDS. Selbst in unseren Breitengraden nehme ich für mein altes Audi 80 Cabrio oder dem sehr viel neueren S5 Cabrio, immer einen kleinen Laptop mit dem VCDS Kabel mit. Kommen Probleme unterwegs, kann ich mit entsprechenden Fehlercodes und z.B. dem Motor-Talk Forum, nach Hilfe suchen.
Ausgerechnet beim alten 80er Cabrio aus 1999, passiert es bei niedriger Batteriespannung und einem nicht mehr erfolgreichen Startversuch, dass das Ventil für Leerlaufstabilisierung seine Grundeinstellung verliert. Die Folge ist dann ein dauerhaftes Motorsägen im Leerlaufbereich, welches sich nicht anders neu anlernen lässt, als mit Diagnosesoftware. Es ist in den 10 Jahren wo ich den Wagen habe, schon öfters zum Einsatz gekommen, damit macht man freiwillig keine weite Strecke mehr…
Hoffentlich gibt es für Defender Fahrzeuge auch eine passabel nutzbare Software mit einer Community dahinter, die helfen kann.
Beim neueren S5 Cabrio, habe ich durch regelmäßiges Auslesen, einen sich schleichend andeutenden Defekt des Tankdeckelverschließmechanismus entdeckt und auch schnell erkannt, dass sich das Beifahrerschloss verabschiedet.
Es sind mir so in der Folge fiese Situationen erspart geblieben. Türpappe zerstören weil man ansonsten vielleicht nicht mehr ans Schloss ran kommt, wäre da so ein Alptraum.
Eine gute Portion echtes Werkzeug sollte natürlich auch an Board sein, man will ja auch an etwas defekte Teile, oder dort wo z.B. Kontaktprobleme bestehen, dran kommen können!
Alles in allem mag ich Eure Idee natürlich und wünsche Euch schlicht und ergreifend GLÜCK :-)! Ohne ein gutes Schicksal zu haben, ist ein gesundes glückliches Leben eh nicht drin. Die gute Planung hilft dann natürlich, es auch realistisch sein zu lassen.
Irgendwas Spannendes wird eh passieren und das wollt ihr auch ein klein wenig und wir es dann hier lesen 😉
Hallo Thomas,
Du hast natürlich recht und daher habe ich mir jetzt vorsorglich auch einen speziellen OBD2-Scanner für den neuen Defender angeschafft. Damit sollte dann unterwegs zumindest die Fehlerdiagnostik problemlos möglich sein. Und dann kann man ggf. zumindest mal per Satelliten-Telefon aus der Wildnis heraus bei Land Rover nachhaken, wie man mit irgendwelchen Problemen umgehen sollte… 🙂