
Von Giraffen im Fels zu Elefanten im Bad: Twyfelfontein, Etosha und die Sambesi-Region
15. September 2026Wenn Krokodile ihre Kiefer aufeinander krachen lassen, klingt es ein wenig so als würde man schwere Holzbalken gegeneinander schlagen. Jedenfalls ist es ein Geräusch, dass man nicht so leicht vergisst. Insbesondere dann nicht, wenn man es aus nächster Nähe wahrnimmt. So wie in dem Moment, in dem ich mich in roten Badeshorts und Sandalen umringt von unzähligen dieser Riesenechsen wiederfand, die mich mit ihren grünen Augen aus allen Richtungen anstarrten. Wie hatte ich in diese Lage kommen können? Gehen wir ein paar Tage zurück:
Die letzten Tage unserer Reise, die wir mit unserem Sohn Floris und seiner Verlobten Felicitas zusammen verbringen würden, waren angebrochen. Kurz vor der Ortschaft Kasane in der Sambesi-Region verließen wir Namibia und überquerten die Grenze nach Botswana. Wir hatten Glück, es war gerade nicht viel los am Grenzübergang. Trotzdem dauerten die Formalitäten knapp anderthalb Stunden, darunter ist es wohl nicht zu schaffen.

Bei Kasane übernachteten wir auf dem Campingplatz einer Lodge direkt am Kwando River, einem Nebenfluss des Sambesi. Als wir auf das Gelände fuhren, entdeckten wir einen ausgeschilderten „Nature Trail“. Hetty als passionierte Wanderin frohlockte sogleich, hier endlich mal wieder ein paar Spaziergänge in der Natur machen zu können. Als wir uns aber an der Rezeption anmeldeten, wurden wir darauf hingewiesen, dass alle Wanderwege geschlossen seien. Seit einiger Zeit würden zwei Büffel das Gelände unsicher machen. Deswegen dürfe man auch nachts vom Zelt zum Toilettengebäude nur in Begleitung eines der beiden Nachtwächter gehen, die durchgehend den Campingplatz bewachten. Und dazu gab es natürlich die obligatorischen Warnschilder, dass man sich auf keinen Fall dem Flussufer nähern solle wegen der Krokodile und Nilpferde. Aber irgendwie gewöhnte man sich irgendwann daran…
Bootssafari im Chobe Nationalpark


Kasane liegt in unmittelbarer Nähe des Chobe Nationalparks. Der Park besitzt die höchste zusammenhängende Elefantenkonzentration der Welt. Und diese kann man insbesondere sehr eindrucksvoll vom Boot aus betrachten, wenn man auf dem Chobe River eine Boots-Safari unternimmt. Also machten wir genau das – wie mehr oder minder alle anderen Touristen auch. Aber es lohnte sich wirklich! Wir sahen nicht nur riesige Elefantenherden aus nächsten Nähe, sondern auch Wasserbüffel, Flusspferde und Krokodile. Und insbesondere als die Sonne tiefrot über dem Wasser unterging, ergaben sich wunderschöne und geradezu malerische Bilder. Afrika, wie man es sich vorstellt!

Dann war die Zeit für die Trennung gekommen. Floris und Felicitas fuhren mit ihrem Mietwagen alleine weiter. Ihnen blieb nur noch eine Woche Urlaub, um noch einige Attraktionen in Botswana „abzuhaken“ und dann die Heimreise anzutreten. Wir aber würden ab jetzt ein wenig Tempo aus unserer Reise herausnehmen. Wir waren mit dem Privileg ausgestattet, uns viel mehr Zeit nehmen zu können. Und wir waren absolut gewillt, das auszunutzen.
Traumberuf Krokodilpfleger? Wir probieren es aus!
Und dann war da die Sache mit den Krokodilen. Und es gibt so Geschichten, da sehen Hetty ind ich uns an und denken: „Das wird uns niemand glauben!“ Aber ich schwöre, die folgenden Ereignisse haben sich wirklich genau so zugetragen:

Um also ein wenig zur Ruhe zu kommen, hatte Hetty uns über Airbnb einen kleinen Bungalow in einem Vorort von Kasane gemietet. Er sah sehr hübsch und farbenfroh aus, bot ausreichend Platz, genau das richige für uns. Als wir aber mit unserem Defender an der Unterkunft ankamen, stellten wir fest, dass sich der Bungalow mitten auf dem Gelände einer Krokodilfarm befand. Sue, die Besitzerin der Farm, hatte sie für Touristen eingerichtet, um neben der Krokodilzucht ein zusätzliches Einkommen zu generieren. Und so lagen direkt neben und um unsere Unterkunft herum zahlreiche Freigehege mit insgesamt über 200 (!) Krokodilen. Man brauchte nur einen Blick über die Mauern zu werfen und sah sich unmittelbar mehrere Meter langen Riesenechsen gegenüber.

Die Anlage war insgesamt schon etwas in die Jahre gekommen und auch die Umzäunungen der Gehege machten einen etwas zweifelhaften Eindruck. Und dass diese Zweifel absolut gerechtfertig waren, sollten wir noch am ersten Abend erfahren…!

Zuerst aber lernten wir also Sue kennen: eine Frau in mittleren Jahren, graumelierte kurze Haare, zupackendes Wesen. Sie lebte dort nicht nur mit den Krokodilen sondern auch mit 5 Hunden, zwei Eseln, einer Katze sowie einer großen Anzahl von Hühnern und Enten. Nur Angestellte gab es nicht. Sie machte von vorne bis hinten alles alleine. Im Gespräch fragte Hetty sie daher:
„Aren’t you sometimes scared being alone out here on your farm?“
Und Sue antwortete:
„No, people around here are more scared of me. Some think I am a witch living with all these crocodiles. And besides that: I have two guns!“
Ich muss zugeben, wir waren beide schwer beeindruckt!

Und während wir uns so in dem kleinen Bungalow einrichteten, kam ein Lieferwagen des lokalen Supermarkts auf das Farmgelände gefahren und lud eine ganze Fuhre Plastiksäcke auf der Einfahrt vor dem Tor ab. Es handelte sich um Hühnerfleisch, dessen Haltbarkeitsdatum abgelaufen war und das daher nicht mehr verkäuflich war. Daher sollte heute die Fütterung der Krokodile stattfinden, die nur einmal im Monat durchgeführt wurde. Wir hatten also wirklich Glück. Sue lud uns ein, bei der Fütterung mitzuhelfen. Und das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen!

Ich gebe zu, wirklich lecker war es nicht, das ganze angetaute Hühnerfleisch mit bloßen Händen aus den Plastiktüten herauszuholen und in Schubkarren umzuladen (Salmonellen? Egal!). Aber das gehörte wohl dazu.
Und dann fuhren wir also zu dritt immer wieder schubkarrenweise das Fleisch zu den einzelnen Gehegen und warfen es den grunzend heraneilenden Riesenechsen buchstäblich zum Fraß vor. Dabei mußte man durchaus aufpassen, die Hände nicht zu weit über die Umzäunungen zu strecken. Gerade die großen Krokodile kamen mit ihren riesigen Mäulern ziemlich weit nach oben, wenn sie zuschnappten.

Wir hatten bereits einige Fuhren vom Eingang zu den Gehegen gefahren und dort verfüttert, als Hetty hinter dem Tor zum letzten Gehege-Bereich plötzlich entdeckte, dass ein riesiges Krokodil über die Mauer seines Geheges geklettert und entkommen war! Es wartete quasi dort bereits auf uns. Oder zumindest auf die Hunde, die allesamt um uns herum liefen. Sue reagierte bemerkenswert ruhig auf die Situation. Sie nahm mehrere tote Hühner, ging hinter das Tor und warf dem entkommenen Krokodil das Fleisch in den Rachen. Damit sollte es gesättigt sein und Sue erklärte das Problem für gelöst. Ich gebe zu, Hetty und ich hatten ein etwas mulmiges Gefühl im Magen, als wir im Folgenden mit unseren Schubkarren voller Hühnerfleisch nur wenige Meter an dem frei herumlaufenden Krokodil vorbei zu den letzten Gehegen eilten.

Und das Gefühl wurde nicht besser, als wir feststellten, dass das Krokodil uns folgte. Und die Hunde wiederum dem Krokodil. Sue sah sich bei aller Ruhe genötigt, dann doch einen großen Stock zu ergreifen und damit dem Krokodil auf sein aufgerissenes Maul zu schlagen. „Move! Move!“, hörten wir sie wiederholt dem Krokodil Befehle gebend. Aber entweder war es des Englischen nicht mächtig oder einfach nicht gewillt, den Anweisungen der Farmerin Folge zu leisten. Also gab Sue schließlich genervt auf und wies uns an, mit unseren inzwischen leergefütterten Schubkarren außen ums Gehege herum den Rückweg anzutreten. Auf diese Weise umgingen wir das Krokodil und retteten uns schnell wieder hinter das Tor zum Innengelände der Farm.
Und damit sollten die Aktivitäten des heutigen Tages abgeschlossen sein. Sue gab uns noch mit, dass es unter den gegebenen Umständen wohl besser sei, wenn wir in der Nacht unser Häuschen nicht verlassen würden. Im Falle eines Falles würden wir aber wahrscheinlich durch lautes Hundegebell gewarnt werden, wenn sich das Krokodil zwischen den Häusern herumtreiben sollte. Wahrscheinlich würde es aber wohl von alleine wieder zurück in sein Gehege klettern. Soweit die Theorie.
Hetty und ich beschlossen jedenfalls, Sues Anweisungen Folge zu leisten. Auf nächtlichen Spaziergänge würden wir verzichten…
Beim Zählappell am nächsten Morgen schien sich zu bestätigen, dass der Ausbrecher auch wieder eingebrochen war. Jedenfalls gab es in einem der Gehege jetzt ein Krokodil mehr als am Vortag. Sue stellte das soweit zufrieden. Wir hofften, es war zu Recht.
Sue würde an dem Tag mit uns einen Ausflug zu den nahgegelegenen Victoria-Wasserfällen in Simbabwe machen (siehe Hettys Perspektief). Dazu benötigten wir ihr Auto. Mit unserem deutschen Defender über die Grenze zu fahren, würde viel zu viele bürokratische Schwierigkeiten mit sich bringen.
Als sie mit ihrem Kleinwagen vorfuhr, entdeckte ich auf der Fahrertür eine Reihe von Löchern, die wie Einschschüsse aussahen. Ich fragte sie, ob ich damit richtig lag. Und tatsächlich, sie erklärte, dass es Querschläger gewesen waren, die die Autotür durchsiebt hätten. Hetty und ich machten große Augen.

Sue erzählte, dass ein ausgebrochenes Krokodil versucht hatte, in ihr Haus zu gelangen, um die damals noch jungen Hundewelpen zu fressen. Als es dafür versuchte, durch das Glas der Eingangstür zu brechen, sei Sue es satt gewesen und sie hätte zum Gewehr gegriffen. Die Schüsse seien dann aber am Knochenpanzer des Krokodils abgeprallt und als Querschläger in der Autotür gelandet. Und wenn ich mir die Tür so ansah, musste sie eine ganze Gewehrsalve verschossen haben. Zumindest aber hatte sie das Krokodil auf diese Weise wohl verjagt. Kann man die Geschichte glauben? Nun, so wie wir beide Sue kennengelernt hatten, neigten wir jedenfalls dazu…
Aber unser Aufenthalt auf der Farm war ja noch nicht zu Ende. Und Sue hatte uns noch gefragt, ob wir Ihr beim Reinigen der Gehege behilflich sein könnten. Nun ist es das eine, Hühnerfleisch über Absperrungen in die aufgerissenen Krokodilmäuler zu werfen. Aber es ist etwas völlig anderes, zu den Krokodilen hineinzugehen und zwischen den Tieren den Betonboden zu schrubben! Aber irgendetwas hatte mich geritten, ja zu sagen. Und jetzt konnten wir also keinen Rückzieher mehr machen.

Also trafen wir uns am frühen Morgen bei den Gehegen, da es zu dieser Zeit noch etwas kühler war und dadurch die Krokodile noch weniger aktiv waren, wie Sue uns erklärte. Und diese Überlegung (und der Umstand, dass wir die Tiere am Tag zuvor reichlich gefüttert hatten) war dann auch die einzige Sicherheitsmaßnahme, die uns davor bewahren sollte, selber zu Krokodilfutter zu werden. Aber gut, wir nahmen also unseren ganzen Mut zusammen und kletterten hinter Sue in die Gehege. Es war schon ein etwas mulmiges Gefühl, sich so komplett den Krokodilen ausgeliefert zu sehen. Zumal man bei ihnen auch keinerlei Gefühlsregung wahrnehmen konnte. Ihre Gesichter verfügen über keinerlei Ausdruck. Man konnte also nie wissen, ob sie einen gerade völlig desinteressiert musterten oder aber im Gegenteil überaus angriffslustig anstarrten. Eine Attacke würde also ohne jegliche Vorwarnung stattfinden.

Glücklicherweise kam es aber zu keinerlei Angriffen. Und zwar auch nicht, als wir die morgendlich kühle Passivitäts-Phase der Krokos längst hinter uns gelassen hatten. Das Ausfegen der Gehege und das Reinigen der Wasserbecken dauerte nämlich deutlich länger als vorher angenommen. Insgesamt arbeiteten wir uns gut sechs Stunden durch Schichten von stinkendem Krokodilkot. Selten hatte ich ein so starkes Bedürfnis, mich zu duschen, wie nach dieser Aktion! Und ich war selten froh, dass sich ein Moment von spontanem Wagemut hinterher nicht als verantwortungslose Naivität entpuppt hatte!
Und wie heißt es bei uns eigentlich immer: hinterher ist es eine schöne Geschichte! 😉

Hettys perspektief:
Wunderschöne Wasserfälle an der Grenze zwischen Simbabwe und Sambia!
Wir rasen in Sues Kleinwagen Richtung Simbabwe. Sue hat uns angeboten, mit uns zu den „Vic Falls“ zu fahren. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen, sie kennt den Weg und weiß, wo es dort schöne Ecken gibt. Aber zuerst müssen wir wieder über die Grenze. Wir reihen uns in eine lange Schlange von Tagesausflüglern ein, die alle zu den Wasserfällen wollen. Es geht wieder quälend langsam voran. Nachdem unsere Pässe abgestempelt und ein Tagesvisum gekauft wurden, folgt noch eine kurze Gesundheitskontrolle, und dann steigen wir wieder in das kleine Auto und machen uns auf den Weg zur Grenze von Simbabwe. Dort wiederholt sich das Ganze. Von dort aus ist es noch eine Stunde Fahrt zu den Wasserfällen; wir fahren durch ein Naturschutzgebiet. Dort angekommen, gibt es erst einmal ein leckeres Frühstück, und dann setzt uns Sue an den Wasserfällen ab.
Es ist wirklich ein Naturwunder: Der Sambesi stürzt sich hier über eine Breite von etwa 1.700 Metern mit rasender Gewalt in eine schmale Schlucht hinab. Es rauscht, zischt und wirbelt, etwa 500 Millionen Wasser stürzen pro Minute hinab. Der angelegte Wanderweg ist großartig, denn so kann man den gesamten Wasserfall überblicken. Wir genießen dieses wunderschöne Naturwunder.
Nach gut einer Stunde holt Sue uns wieder ab und nimmt uns mit zu ihren Lieblingskunstgeschäften. Die Künstler sind ebenfalls vor Ort und erzählen uns von ihrer Kunst. Wir nehmen uns Zeit und genießen all das Schöne um uns herum. Danach fahren wir wieder zurück, schließlich müssen die Krokodile noch gefüttert werden – zumindest die zweite Hälfte. Nach gut einer Stunde stehen wir wieder bis zu den Ellbogen in den Hühnerresten für die Krokodile und füttern die hungrigen Reptilien. So geht ein wunderschöner afrikanischer Tag zu Ende!

Und noch ein Hinweis für unsere holländischen Leser: bitte schreibt und lest die Kommentare (sehr gerne auch in Niederländisch!) auf der deutschsprachigen Version des Blogs. Auf der holländisch übersetzten Version versucht das Übersetzungsprogramm sonst, die niederländischen Kommentare nochmals ins Niederländische zu übersetzen. Und das geht natürlich schief! 😉
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2 Comments
bbbrrrr, ik wens jullie verder een rustige tijd zonder krokodillen gevaar
Wat een bijzondere ontmoeting en belevenis. Geweldig om zo’n eigenzinnige vrijbuiter te ontmoeten